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Keine Filmkritik: 3096 (Teil 0,9)

 

 

Der parlamentarische Untersuchungsausschusses hatte in dieser Zeit die selben ihm zur Verfügung stehenden Materialien bearbeitet und Befragungen durchgeführt. Der Befund war in etwa gleich, wurde allerdings anders bewertet.

Beonders Peter P. von den Grünen zeigte sich über die Ansicht der Evaluierungskommission empört, dass es keine parteipolitische Einflussnahme gegeben habe. Anhand von Materialien sollte er auf seiner Homepage aufzeigen, warum er das anders sah.

Was den Fall selbst betraf, so strich P. die Aussage der Entführungszeuging Ischtar A. sowie die in den ersten Vernehmungen gemachten Aussagen von Natascha Ka. heraus, was ganz eindeutig auf Mittäter oder zumindest Mitwisser hindeutete.

 

Peter P.


Peter P. veröffentlichte auf seiner Homepage Teile der ansonsten gesperrten Vernehmungsprotokolle mit Natascha Ka. Hier konnte jeder Interessierte sich selbst davon überzeugen, dass die Ermittlungsbeamten der SOKO Burgenland sich offenbar für die Möglichkeit weiterer Täter/Mitwisser nicht interessierten. Keine gezielten Fragen in diese Richtung, keine Fragen in Richtung Ernst H. und die Mutter von Priklopil, warum sie die im Haus herumliegenden Kleidungsstücke, Schuhe, Barbiehaus usw. nicht gesehen haben (wollen), keine Frage zur Wohnung in der Wiener Hollergasse, die Priklopil hatte vermieten wollen. Mit der Aussage der einzigen Entführungszeugin Ischtar A. wird Natascha Ka. nicht behelligt. Technische Details des Kellers (Versteck/“Verlies) und die Suche nach einem internen Informationsleck schienen wichtiger.

 

Bei der vierten Vernehmung der Natascha Ka. am 2. September 2006 kam es dann zu interessanten Informationen.

Hier der Auszug des Protokolls (Quelle: Homepage von Peter P.):

 

Frage: Ist Ihnen eine weitere Wohnung im 22. Bezirk bekannt?

Offensichtlich wollen sie wissen, in welchen Wohnungen sich Kampusch vor ihrer Entführung aufgehalten hat. Kampusch antwortet:

„Mir sind Adressen am Stillfriedplatz, in der Bergsteiggasse, Hollergasse, Strahlenergasse und Rugiergasse bekannt.“

Die SOKO-Beamten kommen nicht auf die Idee, dass sie von Kampusch gerade auf Wohnungen, die sie gemeinsam mit Priklopil aufgesucht hat, hingewiesen worden sind. Sie fragen nicht nach und wechseln das Thema.

Frage: Wissen Sie, ob Wolfgang Priklopil außer den vorhandenen Rechnungen, Kalendern usw. weitere persönliche Aufzeichnungen, etwa in Tagebuchform, hat?

Antwort: Ich weiß, dass er keine hat. Ich habe ihn danach gefragt, aber er hat gesagt, dass ihm Eintragungen in den Kalender reichen, um sein Leben zu dokumentieren.

Dann wird die Einvernahme unterbrochen. Nach der Pause wollen die Polizisten wissen, wo Kampusch mit ihrem Entführer war: „Wie Sie bereits in einem Vorgespräch erwähnt haben, mussten Sie mit Wolfgang Priklopil bei verschiedenen Anlässen das Haus verlassen. Wo waren Sie?“

Kampusch beginnt wieder mit den Wohnungen: „Ich war in Wien in der Hollergasse, Bergsteiggasse, Strahlenergasse.“ Dann schildert sie das Zusammentreffen mit den Polizisten und wird noch genauer: „Im Februar oder März dieses Jahres gegen 10:00 Uhr, in den Tagen bevor wir das Fenster in der Hollergasse eingebaut haben, wurden wir auf der Fahrt in der Breitenleerstraße, dort wo die Baustelle ist, von einem Verkehrspolizisten angehalten[…]“

Es gibt keinen Zweifel: Kampusch erzählt, wie sie gemeinsam mit ihrem Entführer eine Wohnung renoviert hat. Aber die Beamten haben keine weiteren Fragen. Sie protokollieren und vermerken: „Ende der Vernehmung: 11:05 Uhr“.

Der Stillfriedplatz befindet sich in Ottakring, dem 16. Wiener Bezirk. Die Bergsteiggasse liegt in Hernals, dem 17. Bezirk. In Rudolfsheim-Fünfhaus, dem 15. Bezirk, liegt die Hollergasse. Die „Strahlenergasse“ heißt Stralehnergasse und befindet sich in der Donaustadt, im 22. Bezirk. Die „Rugiergasse“ findet sich als Rugierstrasse ebenfalls in Kampuschs Heimatbezirk Donaustadt.

Wenn die SOKO-Beamten nach den Hausnummern fragen und ins Grundbuch schauen, werden sie feststellen: Die Häuser und die Wohnungen gehören zwei Personen: Wolfgang Priklopil und Ernst H. Aber die Beamten fragen nicht nach. Sie stehen vor einem wertvollen Hinweis. Aber sie sehen ihn nicht.

Ein anderes Dokument zeigt, dass der Hinweis längst nicht mehr zu übersehen ist. Schon am Abend der gelungenen Flucht, am 23. August 2006, hat Untersuchungsrichter Michael Tolstiuk eine Hausdurchsuchung angeordnet: „In der Strafsache gegen Priklopil […] ergeht an die Beamten des LKA Burgenland der Befehl, die von Wolfgang Priklopil verwendeten Räumlichkeiten in

– 1220 Wien, Rugierstraße 30/7/2
– 2231 Strasshof/Nordbahn, Heinestraße 60
– 1160 Wien, Stillfriedgasse 6/3

zu durchsuchen…“ (2)

Der Richter beschreibt seinen Verdacht: Priklopil „steht im Verdacht, im März 1998 die damals zehnjährige Natascha Kampusch entführt und bis zum 23.8.2006 an einer der oben angeführten Räumlichkeiten gefangen gehalten zu haben.“ (3)

Zehn Tage später sitzen die Beamten des LKA-Burgenland vor Kampusch und vergessen, sie zu den Wohnungen zu befragen.

Erst in ihren Einvernahmen im Jahr 2009 wird Kampusch von den Kriminalpolizisten weiter befragt. Sie gibt an, was sie ihrem Anwalt schon im Jahr 2006 erzählt hat: Natascha Kampusch hat gemeinsam mit Priklopil die Wohnungen des Priklopil-Freundes Ernst H. renoviert. Kampusch hat für Priklopil und H. gearbeitet.

In der Tagesmeldung im Einsatzprotokoll vermerken die Beamten: „keine neuen Erkenntnisse“ . (4)

Aber immer wieder stoßen die SOKO-Beamten auf die Wohnungen. In Priklopils Haus in der Heinestraße 60 finden die Beamten zwei Kaufverträge:

• Kaufvertrag vom 6.7.2001 über die Wohnung „1160 Wien, Stillfriedplatz 6/Top 3″ lautend auf Wolfgang Priklopil
• Kaufvertrag vom 13.12.2005 über die Wohnung „1150 Wien, Hollergasse 47/13″ lautend auf Wolfgang Priklopil.

Prikopil hat gemeinsam mit H. die Firma „RESAN Bauges.m.b.H.“ besessen. Seit der Gründung am 16.11.1994 hielt Priklopil 24 Prozent der Anteile. Die restlichen 76 Prozent hielt H. Seit dem 25. März 1999 war Priklopil bei der Firma Resan beschäftigt.

Am 28. August 2006 beschreibt Rudolf H. in seiner Einvernahme die gemeinsamen Hausprojekte von Ernst H. und Priklopil:

Frage: Wissen Sie, welche Wohnobjekte Wolfgang PRIKLOPIL in den letzten 15 Jahren erworben bzw. angemietet hatte?

Antwort: Ich weiss, dass er mit Ernst H. einmal in der Eduard-Süß-Gasse in Wien einen Dachausbau durchgeführt hat. Danach haben sie in der Bergsteiggasse in Wien 17 ein Haus angekauft, diesen saniert und dann Wohnungen teilweise vermietet und verkauft. Mir ist auch bekannt, dass er am Stilfriedplatz eine Eigentumswohnung gekauft, saniert und dann vermietet hat. Auch hat Wolfgang gemeinsam mit Ernst H. in der Stralehnergasse Wien 22 ein altes Haus gekauft. Dieses wollten sie anfänglich renovieren. Bis jetzt ist dies aber nicht geschehen. Angeblich wollten sie es wieder verkaufen. In letzter Zeit kaufte Wolfgang auch in der Nähe der Stadthalle eine kleine Wohnung. Diese wollte er ebenfalls sanieren und vermieten. (5)

Ernst H. nennt weitere Details:

Frage: Wie Sie bereits bei der ersten Einvernahme angaben, haben Sie gemeinsam mit Wolfgang PRIKLOPIL in den letzten Jahren auch mit Immobilien gehandelt. Um welche Projekte ging es dabei konkret? Welche Häuser oder Wohnungen gehören Wolfgang PRIKLOPIL, zu welchen Objekten hätte er heute noch einen Zugang?

Antwort: Seit Anfang der 90er Jahre haben Wolfgang und ich alte Häuser und Wohnungen angekauft, diese in Eigenregie saniert und danach weiterverkauft.

Ich kann mich an folgende Objekte erinnern:

Anfang 1990: Dachgeschoßausbau in 1150 Wien, Eduard Süß Gasse 1/Top 30: Die Wohnung wurde nach Fertigstellung etwa 1993 verkauft. Wolfgang hatte keinen Zugang mehr.

1994: Bergsteiggasse 54, Wien 17: Althaussanierung und Dachgeschossausbau, Sicher hat Wolfgang für die öffentlich zugänglichen Räumlichkeiten noch die Schlüssel (d.h. Haupteingang, Kellerabgang und Einfahrtsgittertor).

Ca 1996: Stralehnergasse 4, 1220 Wien: Das Objekt – ein äußerst baufälliges einstöckiges Haus – ist mein alleiniges Eigentum. Wolfgang besitzt jedoch einen Haustorschlüssel zu diesem Gebäude. Mit der Sanierung wurde noch nicht begonnen. Er werde das Haus wahrscheinlich wieder verkaufen.

Ca 2001: Stillfriedplatz 1, Tür 3, 1160 Wien: Ankauf und Sanierung einer Eigentumswohnung, ca 23m2. Die Wohnung ist seit ca. 4 Jahre an eine Frau S. vermietet. Das Projekt haben wir gemeinsam gemacht. Im Grundbuch ist aber Wolfgang Priklopil als Alleineigentümer eingetragen. Vermutlich dürfte er von diesem Objekt noch den Haustorschlüssel haben. Für die Wohnung selbst hat er mit Sicherheit keinen Schlüssel. Ein Kellerabteil ist für diese Wohnung keines vorhanden.

Ende 2005: Hollergasse 47/13, 1150 Wien: Alleiniger Ankauf und Sanierung einer Eigentumswohnung, ca.11m2 groß, durch Wolfgang PRIKLOPIL. Die Wohnung wurde erst unlängst fertig gestellt und wurde – wie bereits eingangs erwähnt – bereits zur Vermietung inseriert. Haustor- und Wohnungsschlüssel müsste Wolfgang haben. Auch müsste er einen Schlüssel zum dazugehörenden Kellerabteil besitzen. Alleineigentümer ist Wolfgang PRIKLOPIL. (6)

Am 27. September 2006 weist Ernst H. die SOKO-Beamten ein weiteres Mal auf Priklopil und die Firma Resan hin.

Frage: Wie ist Priklopil noch an der Bergsteiggasse beteiligt? Wie viel hat er bei der Firma RESAN monatlich verdient, welche Gegenleistungen hat er dafür erbracht?

Antwort: In der Bergsteiggasse ist Wolfgang nicht mehr beteiligt. Angemeldet war Wolfgang bei der Firma RESAN mit Euro 100 und bei der Hausverwaltung in der Bergsteiggasse mit Euro 160 als Hausbesorger. (7)

Schon am 2. September hat Natascha Kampusch bei ihrer Einvernahme angegeben: „Ich war in Wien in der Hollergasse, Bergsteiggasse, Strahlenergasse.“ Die nächsten Fragen liegen auf der Hand: Was hat Kampusch in der Bergsteiggasse getan? Wie oft war sie dort? Und: Hat Ernst H. gewusst, dass Kampusch für ihn in der Bergsteiggasse und in anderen Wohnungen arbeitet? Aber auch hier verzichten die Beamten auf jede Nachfrage.

(Fortsetzung folgt)

Montag
27
Mai 2013
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