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Keine Filmkritik: 3096 (Teil 1,4)

 

 

Der im vorherigen Teil behandelte 3. Zwischenbericht der SOKO Ka. endete mit einem Kapitel, welches sich mit der Auffindsituation des Hauses von Priklopil nach der Flucht der Natascha Ka. beschäftigte.

Dieser ist derartig interessant, so dass er hier in ganzer Länge wiedergegeben sein soll.

 

Aus den Dokumentationen in den Tatortmappen seien nunmehr wesentliche Erkenntnisse erlangt worden. Der Tresor habe sich außerhalb der vorgesehenen Öffnung mit der Tresortürseite am Boden liegend befunden. Eine Schmuckkassette mit 10 Golddukaten, 2 Anstecknadeln sowie einem Anhänger und einem Ring sei am Boden vor der Ausnehmung gelegen. Die Holzkommode habe sich unmittelbar vor der Betonausnehmung im vorderen Bereich der Montagegrube befunden, wobei diverse Sparbücher und Schmuckstücke sowie Schlüssel darauf abgelegt gewesen seien. Die Erhebungen dazu hätten erbracht, dass diese Auffindungssituation nicht von den ersteinschreitenden Polizeibeamten bzw. der Cobra verursacht worden sei. Der Cobrabeamte KI Paul W. habe angegeben, dass die von innen verschließbare und von außen mit einem Mechanismus zu öffnende und zum ersten Raum bzw. zum Verlies führende Türe offen gestanden habe. Demnach müsse sie mit dem dafür vorgesehenen Mechanismus (Ratsche sei angesteckt gewesen) entriegelt worden sein. Die Auffindungssituation lasse die Aussage zu, dass sie offensichtlich in einer Panik- oder Verzweiflungssituation verursacht worden sei. Weiters sei ein festgestellter Widerspruch zwischen der Auffindungssituation des Mercedes Sprinter des Wolfgang Priklopil und den festgehaltenen Angaben des S. und der Christine B. laut Amtsvermerk vom 24.8.06 abgeklärt worden. Nunmehr stehe aufgrund der Aktenlage fest, dass Wolfgang Priklopil, nachdem Natascha Ka. während der Reinigung des Mercedes Busses, der zu dieser Zeit auf der rückwärtigen Seite des Grundstückes gestanden sei, und während des von Wolfgang Priklopil mit Beginn um 12.56 Uhr zum Anschluss 0676/xxxxxxx für 98 Sekunden geführten Passivgespräches, geflüchtet sei, Natascha Ka. mit dem weißen Mercedes Sprinter gesucht und unter anderem Johann K. nach einem Mädchen mit blondem Haar und rotem Kleid gefragt habe. Dann sei er zum rückwärtigen Teil seines Grundstückes zurückgekehrt, habe den Mercedes Bus laut Auffindungssituation abgestellt, vom Bus die Wechselkennzeichen genommen und auf dem in der straßenseitig der Hxxxxxxxstraße gelegenen Garage abgestellten BMWi wieder angebracht. Vor der Flucht mit dem BMW aus der Garage, wie von Stefan B. wahrgenommen, müsse Wolfgang Priklopil seinen am Körper getragenen Schmuck am Wohnzimmertisch abgelegt und in der Garage die Holzabdeckung zur Montagegrube entfernt und zum Verlies gelangt sein, wo von ihm die beschriebene Auffindungssituation verursacht worden sein müsse. Kurz nach dem Wegfahren des Wolfgang Priklopil mit seinem BMW sei Stefan B. von zivilen Beamten nach Wolfgang Priklopil befragt worden. Wiederum kurz nachdem die Beamten wieder weggefahren seien, sei Wolfgang Priklopil nach den Angaben des Stefan B. mit seinem BMW 850i zurückgekommen, von Stefan B. darauf hingewiesen worden, dass ihn die Kripo suche, wobei Wolfgang Priklopil dabei völlig gehetzt und fertig gewirkt habe und Ringe unter den Augen gehabt habe. Schon aus den Angaben des Stefan B. sei der Verdacht begründet, dass Wolfgang Priklopil nach der Flucht von Natascha Ka. gegen 13 Uhr in eine Panik- und Verzweiflungssituation geraten sei, sich in die Montagegrube begeben und die dortige Auffindungssituation verursacht habe. Dazu sei zu klären: Welche Gegenstände entnahm Wolfgang Priklopil dem Tresor? Wo befindet sich der Schmuck der Waltraud Priklopil, der ihren Angaben zufolge im Tresor verwahrt worden sei, dort aber nicht aufgefunden worden sei? Aus welchem Grund war es für Wolfgang Priklopil so wichtig, vor seiner Flucht noch ins Verlies zu gelangen? Anzunehmen sei, dass er etwas im Verlies Verwahrtes an sich gebracht habe, um dieses noch zu beseitigen, wobei bekanntlich bei Durchsuchung des BMW 850i keine bedenklichen Gegenstände vorgefunden worden seien. Vermutlich bei Ein- oder Aussteigen in das Verlies müsse sich Wolfgang P. am Kopf verletzt haben, nachdem Mathilde H. bei ihm eine frische Beule festgestellt habe. Aufzuklären sei auch, warum Wolfgang Priklopil vor seiner Flucht seine Schmuckstücke auf dem Wohnzimmertisch abgelegt habe. Dies lasse darauf schließen, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Leben abgeschlossen habe. Wenn Wolfgang Priklopil vor seiner Flucht aus dem Tresor und dem Verlies etwas mitgenommen habe, könne er dies nur Ing. Ernst H. übergeben haben. Die Videoauswertung des Donauzentrums habe ergeben, dass Wolfgang Priklopil außer einem Schlüsseltäschchen keine Gegenstände mit sich geführt habe. Ob Wolfgang Priklopil nach dem Telefonat beim Infocenter des DZ in Richtung Ausgang oder zu seinem BMW gegangen sei, sei nicht geklärt.

 

In diesem Bericht entdecken wir einige Widersprüche und seitens der SOKO auch einige Ungenauigkeiten.

Den Beamten der SOKO war offensichtlich die Auffindsituation selbst „spanisch“ vorgekommen, so dass sie sich bei den damals eingesetzten Beamten erkundigen mussten. Der Versuch der Rekonstruktion der letzten Ereignisse auf dem Grundstück von Priklopil gelingt kaum.

 

Priklopil, der sonstige Pedant und gleichzeitig Choleriker, soll im Keller panisch etwas gesucht und daher das dort vorgefundene Chaos angerichtet haben. Wenn man etwas sucht, weiß man ja nicht mehr genau, wo man es abgelegt hat. Der herausgerissene Tresor zeugt von einem Gewaltausbruch, vielleicht aus Verzweifelung. Es ist weder bekannt, was Priklopil gesucht haben könnte und ob er es überhaupt gefunden hatte.

 

Es scheint aber etwas zu fehlen: der Schmuck der Mutter. Das heißt aber nichts, denn vielleicht hat es diesen – wenn überhaupt – bereits vorher an diesem Platz nicht mehr gegeben. Priklopil soll sich trotz seiner Panik und letztlich auch unter Zeitdruck die Zeit genommen haben, um seinen Körperschmuck im Wohnzimmer zu hinterlegen. Der Rückschluss der SOKO, dass Priklopil zu diesem Zeitpunkt mit dem Leben abgeschlossen habe, ist reine Spekulation. Denn erst einmal flieht er, lässt aber sein Telefon und seine Geldbörse (im weißen Kastenwagen) und anderes liegen.

 

Die Ursache für die bei Priklopil beobachtete Beule am Kopf wird ebenfalls nur mutmaßt.

 

Da nicht bekannt ist, ob Priklopil das unbekannte Gesuchte mitgenommen habe, ist unter der Voraussetzung, dass er dieses gefunden und mitgenommen hatte, der SOKO-Rückschluss logisch, dass dieses nur noch seinem Freund Ernst H. ausgehändigt worden sein könnte. Denn in Priklopils BMW hatte man nichts von Belang gefunden.

 

Nur ist dieser Rückschluss nicht zwingend, weil er die Möglichkeit außen vor lässt, dass Priklopil dieses „Etwas“ vor dem Treffen mit Ernst H. bereits entsorgt haben könnte. Oder er hatte es noch bei sich, es aber nie dem Ernst H. ausgehändigt und erst anschließend, vor seinem Tod, vernichtet oder „verloren“.

Die erwähnte Überwachungskamera im Donauzentrum hatte tatsächlich nichts an Habe bei Prikopil bemerkt, vom Schlüsselbund abgesehen. Das heißt aber nicht, dass er etwas in den Hosentaschen gesteckt haben könnte, beispielsweise Datenträger. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit des Kofferraums seines BMW.

 

Außerdem bleibt immer noch die Möglichkeit, dass Priklopil das Gesuchte nicht gefunden hatte. Das wiederum würde bedeuten, dass es sich nach seiner Flucht noch in seinem Haus befunden hätte und heute in Besitz von anderen Personen sein sollte – oder von diesen bereits vernichtet. In diesem Fall bestünde freilich von dieser Seite ein Interesse der Verschwiegenheit, was die durch die Staatsanwaltschaft aufgestellte Einzeltäter-Theorie obsolet machen würde.

 

Es existieren dazu leider keine weiteren Informationen. Einzig die mysteriösen und gesperrten drei Mini DV-Bänder lassen in diesem Zusammenhang einen weiteren Verdacht zu.

 

Dieser dritte Zwischenbericht der SOKO birgt allerdings noch zwei Überraschungen, die nicht sofort auffallen, weil unter dem Eindruck einer Tatsache eher beiläufig erzählt.

 

Hierbei handelt es sich zum einen um das so genannte „Verließ“ und die schwere Tresortür davor. Es wird geschildert, dass diese Tür durch einen Mechanismus von außen zu öffnen, allerdings von innen (!) verschließbar wäre.

Dieser Beschreibung nach handelte es sich bei dem „Verließ“ eher um ein Versteck oder besser: um einen so genannten „Panic-Room“.

Es handelte sich somit um einen Sachverhalt, der sich zumindest nicht mit der ganzen offiziellen Geschichte veträgt.

 

Zum anderen wurden zwei zivile Polizeibeamte erwähnt, die sich beim Nachbarn Stefan B. nach Wolfgang Priklopil erkundigt hätten.

 

Die Polizei war am 23. August 2006 um 13.04 Uhr über den Notruf von Frau Inge P. verständigt worden, in deren Garten sich Natascha Ka. mit der Bitte um Hilfe befunden hatte. Zwei Revierinspektoren aus Deutsch-Wagram hatten sich danach mit einem Streifenwagen auf den Weg nach Strasshof gemacht. Die Wegstrecke bedeutet einen Katzensprung, sie werden also rasch vor Ort gewesen sein.

 

In dieser Zeit muss Priklopil zuerst mit seinem Lieferwagen die junge Frau, dann im Haus nach etwas Unbekannten gesucht haben, um anschließend die Kennzeichen zu wechseln und mit seinem BMW fortzufahren.

 

Wir wissen nicht genau, wann diese Polizisten bei Inge P. und Natascha Ka. eingetroffen waren und wie viel Zeit Priklopil überhaupt zur Verfügung stand. Aber es erstaunt, dass bereits zu diesem Zeitpunkt zwei Kriminalbeamte (laut dem Protokoll bei Peter P.) in Strasshof eintrafen, als sich die Polizisten vom Revier Deutsch-Wagram noch bei Inge P. befanden, um sich von Natascha Ka. informieren zu lassen.

Wer hatte die beiden Kriminalbeamten informiert und woher waren sie so schnell erschienen?

 

Bei den beiden Kripobeamten muss es sich um jene gehandelt haben, die sich bei den Nachbarn Stefan B. nach Priklopil erkundigt hatten. Das macht nur Sinn, wenn sie zuvor beim Haus in der Heinegasse gewesen waren, Priklopil dort aber nicht angetroffen hatten. Die uniformierten Polizisten dürften zu diesem Zeitpunkt Natascha Ka. zum Revier Deutsch-Wagram gefahren haben.

 

Wieviel Zeit mochte nun vergangen sein?

 

Für Verwunderung sorgt die Information, dass die beiden Kriminalbeamten mit unbekanntem Ziel anschließend fortfuhren und nicht als Objektsicherung vor Ort verblieben – wenigstens so lange, bis weitere Polizisten zur Ablösung erscheinen konnten. Eine Fahndung lässt sich auch telefonisch veranlassen.

Das bedeutet, dass der hier angenommene Tatort, das Haus von Priklopil, ohne Aufsicht gelassen wurde. Wie lange, das entzieht sich noch unserer Kenntnis, ist aber nicht unerheblich für die Spurenlage innerhalb des Gebäudes.

 

Wäre die Polizei vor Ort geblieben, wäre ihnen zudem Priklopil direkt in die Arme gelaufen, was abermals „verpfuscht“ wurde. Priklopil kam tatsächlich wieder zurück und wurde von seinem Nachbarn Stefan B. darüber informiert, dass die Kriminalpolizei nach ihm suchen würde.

 

Es ist nicht bekannt, warum Priklopil zu seinem Haus zurückgekommen war. Hatte er gehofft, dass Natascha Ka. sich wieder beruhigt und zurückgekehrt war? Hatte er deswegen nochmal nachschauen müssen?

Priklopil scheint sein Haus nun nicht mehr betreten zu haben. Nach der Information durch den Nachbarn soll er mit seinem Wagen wieder fortgefahren sein. Nun erst hatte er seine Flucht angetreten.


Freitag
09
August 2013
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