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Schöne Neue Welt ? Teil 9

Von René Triebl

 

Neben der Drohung einer sich weiter verschärfenden ökonomischen Ungleichverteilung, welche ich in verschiedenen Abschnitten dieser Serie kurz skizziert habe, möchte ich mich in diesem 9. und dem folgenden 10. Teil mit den Rollen- und Gesellschaftsbildern sowie den daraus resultierenden drohenden sozialen Verwerfungen beschäftigen, die auch während der Corona-Krise wieder besonders deutlich hervorgetreten sind.

Alle Medien befassten sich ja unisono fast ausschließlich mit den zu erwartenden monetären Auswirkungen dieser Krise und kaum jemand beleuchtete ausreichend die Situation im psychosozialen und gesellschaftlichen Bereich, in der möglichen Veränderung im Verständnis von Gesellschaft, der Qualität im Zusammenleben und dem konkreten Umgang miteinander. Dies sind alles Elemente, die natürlich seit jeher ebenso weittragend und umfassend unsere Lebensqualität mitbestimmen.

Ökonomischer Ausgleich ist ein wesentlicher Teil, aber eben auch nur Basis einer lebenswerten Gesellschaft, deren Funktionieren nicht automatisch mit bloß ökonomischen Aspekten zu erreichen ist.

Um die verschiedenen Qualitäten dieser sozialen Defizite und Visionen besser deutlich zu machen, möchte ich daher in diesem Artikel auf einige klassische Dystopien (Dystopie = Gegenbild zur positiv besetzten Utopie) aus der Filmgeschichte und ihrer literarischen Vorbilder zurückgreifen, um einen gewissen Querschnitt über gesellschaftliche Entgleisungen und Zivilisationszusammenbrüche anzubieten.

Deren Anfänge erleben wir ja gerade unmittelbar. Wenn es uns nicht gelingt, die Solidarität neu zu beleben und die vorgezeichnete Eskalation in Richtung „worst case“, auf welche wir jeden Tag mehr und mehr zusteuern sowie die rücksichtslose Gier und Unterdrückungssucht weiter Teile der politischen Landschaft in die Schranken zu weisen, wird es ein bitteres Ende geben.

Diese ausgewählten Beispiele zeigen uns in aller Deutlichkeit, was passieren könnte, wenn wir nicht weiter konsequent um die Erhaltung unserer demokratischen Strukturen kämpfen, wenn wir uns weiter durch Scheinargumente wie „Sicherheit“ und „Modernisierung“ einlullen und uns durch falsche politische Versprechen ausbremsen, uns von Gewohnheiten an unerträgliche Zustände allzu leicht vereinnahmen lassen, diese nicht sofort hinterfragen und entsprechend bekämpfen.

In den letzen Monaten wurden wir alle Zeugen einer veritablen anti-demokratischen Strategie des „Uns-Ermüdens“ durch exzessive Dauerberieselung von Informationen bei gleichzeitiger Isolation. Dies führte bei vielen zu einer gewissen Gewöhnung und einer Lahmlegung des politischen Denkens und der Kreativität.

Wir vergessen dabei nur allzu leicht, dass Gewohnheit einer der Hauptfeinde der Demokratie ist, weil sie unsere Einschätzungskraft schwächt, weil sie uns leichter Warnzeichen übersehen lässt, weil sie uns anfällig für schnelle und scheinbar leicht umzusetzende Lösungen macht, anfällig auch für Argumente die unsere Müdigkeit bestätigen, unseren oft falschen Stolz und unser Unwohlsein mit seinen vielen Aspekten des bestehenden Alltags scheinbar bauchpinseln.

Vor allem die Parteien der politischen Rechten versuchen in perfider Absicht, unsere Frustrationen mit dem oft zähen Ringen um politischen Konsens, den eben eine intakte Demokratie wesentlich auszeichnet, zu benutzen. Sie versprechen uns dann leichtfertig eine „Überholspur“, die es jedoch nicht gibt.

„Verrat, der im Krieg begangen wird, ist kindlich gegen den Verrat, den wir im Frieden begehen.“

Michael Ondaatje

(aus: „ Der englische Patient“)

 

Ein an sich schönes, tiefgreifendes Zitat und im Grunde eine schöne Einleitung in den vorher angesprochenen Themenbereich, würde es nicht leider doch zu kurz greifen und die Sache vorschnell wieder in eine vereinfachte Richtung lenken. Wie ja bereits im 8. Teil skizziert, befinden wir uns seit geraumer Zeit in einer Art undeklariertem Dauerkrieg und dennoch auch in einer Art deklariertem „Frieden“, woraus sich die Frage erhebt, inwieweit sich dieser Dualismus der Begriffe, wie wir ihn noch aus der Nachkriegszeit verinnerlicht haben, nicht bereits aufgelöst hat, nicht bereits obsolet geworden ist und einem Zustand Platz gemacht hat, den wir begrifflich noch genauer erfassen müssten, was uns jedoch unter dem Eindruck der uns ständig verabreichten Massenpsychologie, Propaganda, Hysterisierung und medialer Verwirrung immer schwerer fällt.

Der moderne Krieg wird eben heute in erster Linie als Kampf um die Deutungshoheit und über das Setzen von Begrifflichkeiten definiert. Medien haben sich nicht erst seit Berlusconi, Orban, und Co. zu Hauptkampfinstrumenten entwickelt. Analoge und elektronische Massenmedien sind die Maschinengewehre des modernen Krieges, den derjenige für sich entscheidet, der im Kampf um die Hirne der Bevölkerung obsiegt.

So bieten sich uns zur besonders anschaulichen Illustration dieser Tatsache nicht nur der dieser Serie namensgebende Roman „Brave New World“ von Aldous Huxley aus dem Jahr 1933 an, sondern auch folgende berühmte Spielfilme mit deren Autoren, die ich nachstehend mit einigen Textbeispielen sowie Ausschnitten aus den Originalfilmen kurz vorstellen möchte.

Um die Konturen dieser strukturellen Gewalt, die uns täglich überfährt, noch besser darstellen zu können, möchte ich daher mit voller Absicht die Überhöhungen dieser bedeutenden Dystopien der Filmgeschichte heranziehen, die in ihrer Unmittelbarkeit einen interessanten Vergleich anbieten und auch einen möglichen Ausblick auf unsere unmittelbare gesellschaftliche Zukunft.

An dieser Stelle möchte ich meinem Freund Walter Müller für dessen Unterstützung und kompetente Assistenz bei der Auswahl nachstehender Ausschnitte herzlich danken. Walters nun seit bereits über 10 Jahren bestehende Initiative WKW („Walters Kino Wok“) in seinem Privatkino am Neufelder See ist es maßgeblich zu verdanken, dass wir diese seltenen Filme einem interessierten Freundeskreis meist in Originalfassung, mit von ihm noch darüber hinaus stets großzügig aufbereiteter kulinarischer Begleitung und auch mit meist nachfolgender spannender Diskussion entsprechend zur Vorstellung bringen konnten.

 

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WKW“ hat sich inzwischen neben dem Verein „dekarTe“ von Winfried Koppensteiner zu einem der wichtigsten und qualitätsvollsten privaten Kulturinitiativen im Raum Wiener Neustadt entwickelt, einer Region, die ja leider seit bereits geraumer Zeit besonders nach dem politisch erzwungenen Wegfall der beiden wesentlichsten Filmfestivals „Banale“ und „Frontale“ sowie der seitens der Stadt in Kauf genommenen Schließung des letzten privaten Programmkinos, unter einem drastischen Mangel an kultureller Vielfalt leidet, ja wo leider eine kulturelle Wüste in diesem Bereich der Kultur entstanden ist.

Als einziger Veranstaltungsort bleibt nun ein nach US- amerikanischen Vorbild errichteter Kinotempel einer australischen Betreiberfirma, der ganz im Sinne des Kapitals und Hollywoods als eine Art „Verblödungsmaschine“ fungiert, als Spielstätte für kommerzielles Mainstreamkino, also ein Kino ausschließlich mit US- Klischees überfrachtet, fixiert auf kitschige und abstruse Helden- Gewalt und Horrorszenarien, seichte Familienunterhaltung und billige, primitive Zersteuung. Dies natürlich alles in der erneut manipulativen Absicht, damit ein Bild der Welt zu transportieren, das derzeitigen Systeminteressen des neoliberalen Turbokapitalismus dient, diese noch verstärkt und sie zudem als alternativlos hinzustellen versucht.

Der Bereich Art House, kritisches und alternatives Kino abseits des Mainstreams wurde in dieser Stadt in einer Konsequenz ausgetrocknet, die Seinesgleichen sucht und wie sie für eine Stadt mit fast 50.000 Einwohnern wohl in Österreich einmalig ist.

Der Versuch, öffentlich einen Film aus der internationalen künstlerischen Avantgarde der aktuellen Kinoszene, einen außergewöhnlichen, gesellschaftskritischen oder gar philosophischen Film zu sehen, ist in Wiener Neustadt ähnlich aussichtslos wie der Versuch, sich am Eis zu wärmen.

Walters Kino Wok“ ist daher momentan der wohl bedeutendste und niederschwelligste Lichtblick in diesem leider völlig verödeten Kultursegment der Stadt. Aus diesem Ansatz heraus haben wir nun folgende Filme zum Thema „Dystopie“ ausgewählt und empfehlen diese natürlich auch allen Lesern dieser Rubrik zur gelegentlicher Ansicht in voller Länge.

1)1984“, Regie: Michael Radford (1984), Buch: George Orwell (1948)

Es ist das ja bereits für uns weit zurückliegende Jahr 1984, in welches George Orwell dieses düstere Szenario verortet, als er im Jahre 1948 seinen Roman »1984« veröffentlichte. Sicherlich hat sich die Welt (neben einigen Staaten, die die Romanvorlage bis heute allzu wörtlich auslegen, zb. Nordkorea, etc.) noch nicht in dieser Konseuqenz wie in der Orwell’schen Prophezeiung entwickelt. Trotzdem ist das Buch immer noch eine der besten und deutlichsten Mahnungen, rüttelt auf und sensibilisiert, wenn es um den Umgang mit staatlicher Gewalt, Bürgerrechten, Überwachung, Kultur und Medien geht.

Synopsis:

Die drei Parolen der inneren Partei prangen am Ministerium für Wahrheit. Ozeanien wird mit harter Hand regiert. Die Bevölkerung unterdrückt und kontrolliert. Die Gedankenpolizei überwacht jeden Schritt der Bevölkerung. Neusprache, die von der Partei eingeführte Amtssprache, ersetzt oder streicht schädliche Begriffe wie »Gerechtigkeit«, »Moral«, »Demokratie«. Fernsehgeräte, die den ganzen Tag den Staatssender zeigen, können sämtliche Wohnzimmer akustisch und visuell überwachen – zur Erinnerung steht »Big Brother is watching you« auf Plakaten überall in Ozeanien. Kunst wird zensiert oder verboten. Die Geschichte neu geschrieben. Freie Meinungsäußerung und Bürgerrechte gibt es schon lange nicht mehr. Das bloße Denken an Widerstand gegen die Partei und den Staat wird als »Gedankenverbrechen« mit dem Tode bestraft.

(Ausschnitt aus „1984“; Quelle: YouTube). 

https://youtu.be/_3CTVeKLoPo

2) „Fahrenheit 451“, Regie: François Truffaut (1966), Buch : Ray Bradbury (1953):

 

(Ausschnitte aus „Fahrenheit 451″, Quelle: YouTube).

 

3)Soylent green“, Regie: Richerd Fleischer (1973), Buch: „Make room! Make room!“ Harry Harrison 1966:

 

4) „Alphaville“, Regie: Jean Luc Godard, 1965, Buch: Jean Luc Godard, 1965

(Ausschnitt aus „Alphaville“, Quelle: YouTube).

 

5) „Blade Runner“, Regie: Ridley Scott (1982), Buch: „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ von Philip Kindred Dick (1968)

Synopsis:

Spektakuläre und damals richtungsweisende Computeranimation einer kalten, technikdominierten Dystopie und einer der bisher eindrucksvollsten Warnungen vor den verheerenden Auswirkungen irreparabler Umweltzerstörung wie auch vor den katastrophalen sozialen Folgen einer Diktatur in Folge des Zusammenwachsens von Industrie, Ökonomie und Politik zur einem alternativlosen und allumfassenden Machtmonopol. Die Welt als ein klassischer „Nicht Ort“ (Marc Augé), steril, kalt und völlig durchgestylt, ein Ort, wo wirkliche Begegnung und damit Demokratie gar nicht mehr stattfinden kann. Dieser Streifen thematisiert (wie auch sein Nachfolgefilm „Blade Runner 2049“, 2017 Regie: Denis Villeneuve ) auch als einer der ersten das gerade aktuell sehr breit diskutierte Thema KI in komplexer, philosophisch-ethischer Form.

 

(Ausschnitt aus „Blade Runner“, Quelle: YouTube).

 

6) „Opfer“, Regie: Andrei Tarkovsky (1986), Buch: Andrei Tarkovsky

Synopsis:

Opfer“ist eine wort- und bildgewaltige poetische Vision, die dem Materialismus der Welt in der Forderung nach Opferbereitschaft eine von spiritueller Sinnsuche erfüllte Gegenwelt gegenüberstellt. In Bildern von großer Schönheit und rätselhafter Symbolik gelingt eine Verbindung von poetischer Filmsprache und philosophischem Diskurs.“

(Ausschnitt aus „Opfer“, Quelle: YouTube). 

 

Im Weiteren waren etwa auch auch noch folgende Filme in dieser Hinsicht besonders richtungsweisend:

  • Brazil“ (1985, Regie: Terry Gilliam)
  • 12 Monkeys“ (1995, Regie: Terry Gilliam)
  • THX 1138“ (1971, Regie George Lucas)
  • Stalker“ (1979, Regie Andrei Tarkovsky)
  • Matrix“ (1999, Regie: Lana und Lilly Wachowski)

All diese Filme bieten in unmissverständlicher Form ein Kaleidoskop verschiedener gesellschaftlicher Entgleisungen und deren Auswirkungen, wobei wir auch in deren „immer wieder Sehen“ mit einem gewissen Schaudern feststellen konnten, dass der Abstand zur aktuellen Realität mit den Jahren immer weiter geschmolzen ist und längst nicht mehr so konstruiert-surreal wirkt wie noch zur deren Entstehungszeit. In ausgewählten Beispielen zeigen sie uns zum besseren Verständnis und Verdichtung der Aussage auch einige exemplarische Reaktionen der in diesen Albträumen aus Unterdrückung und Ausbeutung gefangenen Individuen.

 

Sonntag
21
Juni 2020
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