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Polizeiapparat.

Im vergangenen Jahr kam wieder Bewegung in den Fall Pilnacek, was zum einem Peter Pilz und seinen im Buch „Pilnacek – Der Tod des Sektionschefs“ publizierten zwischenzeitlichen Befundungen, andererseits Michael Nikbakhsh mit seinem „Investigativ Podcast“ und den Folgen zu „Der Fall Pilnacek“ zu verdanken war. Die Vorgänge um die Smart-Watch Pilnaceks sollten weiters dem letzten Gutgläubigen deutlich gemacht haben, dass die mit der Ermittlung beauftragten Polizeibeamten und Polizeidienststellen alles andere im Sinn hatten, nur keine Ermittlung. Was im Umkehrschluss nichts anderes bedeuten muss, dass die Ermittlungsbehörden als Handlanger jener mutmaßlichen Täter agierten und agieren, welche den Tod von Pilnacek verursacht haben.

Einer der Akteure seitens der Polizei, Stefan P., der Leiter des LKA Niederösterreich, sah es wenig überraschend anders. Und hatte daher gemeinsam mit anderen Spitzenbeamten den Peter Pilz wegen dessen Publikation und der von ihm darin entdeckten (angeblichen) Verleumdung angezeigt.

Stefan P. hatte im Juli des Vorjahres (2025) gegenüber dem STANDARD gemeint, dass es nicht nur seine Vorgesetzten berühren würde, sondern „ein schlechtes Licht“ auch auf seine Kollegen und Kolleginnen werfe.

Das ist richtig. Die Behauptung, dass diese Kollegen und Kolleginnen „jeden Tag ausgezeichnete Arbeit“ machen würden, ist dagegen eher ein Wunschdenken. Es mag nur und vielleicht richtig sein, wenn die Perspektive gewechselt wird.

Genau darum geht es. Der Artikel im STANDARD, in der Printversion am 15. Juli 2025 erschienen, nannte sich: „Was den Pilnacek-Ermittler stört“:

https://www.derstandard.at/story/3000000278830/chef-der-pilnacek-ermittler-ich-kann-kein-handy-auf-vorrat-sicherstellen

(Die Online-Version ist im Gegensatz zum kürzeren Printartikel als Interview gestaltet).

Das mochte vom Redakteur Fabian Schmid wohl gut gemeint gewesen sein, der Vorwurf an den LKA-Chef bezieht sich allerdings auf dessen Nicht-Ermittlung, weswegen der Begriff „Pilnacek-Nichtermittler“ der bisher ermittelten Sachlage näher kommt.

Stefan P. verteidigte sich. Schmid zitierte ihn mit den Worten:

„Kein Polizist könnte es mit seinem Gewissen vereinbaren, aus einem Tötungsdelikt einen Suizid zu machen.“

Das ist zu schön, um wahr zu sein. In Erinnerung an einen anderen Aufsehen erregenden Kriminalfall, der Causa Kampusch, war die polizeiliche „Ermittlungsarbeit“ im Todesfall Priklopil im August 2006 von ähnlicher „Qualität“ wie jene bei Pilnacek. Was um so bemerkenswerter ist, hätten beide Personen/Fälle grundsätzlich einer genauen Untersuchung benötigt, um kriminelle Strukturen und Hintermänner offen zu legen. So wurde damals auch der Tod von Priklopil schnell als „Suizid“ deklariert und behauptet, der Entführer habe sich vor Zug geworfen und sei überfahren worden. Nachgewiesen wurde dies nie, und tatsächlich deutete alles in Richtung Mord.

Hatte damals der operative Leiter der SOKO Kampusch, Polizeioberst Franz Kröll, zumindest festgestellt: „Eine Zugleiche sieht anders aus„, so hatte er sich später gegen die Schließung der Akte Kampusch/Priklopil gegenüber seinen Vorgesetzten gewehrt, wenn auch erfolglos. Kröll endete schließlich auf der Terrasse seiner Wohnung, wo er wegen angeblicher Depressionen Suizid begangen haben soll. Und auch hier war es damals zu erstaunlichen „Schlampigkeiten“ bei der „Ermittlungsarbeit“ gekommen. Dem Ermittlungsbefund „Suizid“ wurde schließlich dank engagierten Polizeibeamten und auch durch die Gerichtsmedizin nachgeholfen.

Vielleicht hat Stefan P. als Leiter des LKA NÖ von diesen Fällen noch nie etwas gehört, vielleicht bleibt ihm auch gar nichts anderes übrig, als sich in einer gegenteiligen Überzeugungsarbeit zu versuchen und von „ausgezeichneter“ Arbeit zu reden. Laut dem Interview glaubte P. (im Juli 2025) nach wie vor, dass alle Indizien für einen Suizid von Pinacek sprechen würden – als hätte er die weitere Entwicklung vollkommen verschlafen. Stefan P. im STANDARD:

„Die Leiche wird sehr, sehr genau mit der Ärztin begutachtet. Man schaut sich die Kleidung an, sucht nach Verletzungen. Da hat es nichts gegeben, was auf Fremdeinwirkung hindeutet. Wir haben die Spuren am Einstiegspunkt gefunden. Fußspuren, die zielgerichtet in das Wasser hineinführen.“

Wovon P. sprach, war allerdings nichts anderes als ein extrem oberflächlicher Eindruck bei einer Erstbeschau, was mit einer Ermittlung nichts zu tun hat. Allein seine „Analyse“, nach welcher die festgestellten Verletzungen keiner Fremdeinwirkungen geschuldet waren, stand auch P. nicht zu.

Die Amtsärztin vor Ort, also jene Person von Fach, hatte es bekanntlich anders gesehen, wurde aber von anmaßenden und ihre Kompetenz überschreitenden Beamten massiv bedrängt, von einer Obduktionsempfehlung Abstand zu nehmen. Für den Chef vom LKA wären das „Missverständnisse“ gewesen.

Die 20 Verletzungen am Körper von Pilnacek führte Stefan P. auf ein Sturzgeschehen zurück, weil es keine Hinweise auf einen Kampf gegeben habe. Was er nicht sagte: es gab auch keine Hinweise auf ein Sturzgeschehen, es gab überhaupt nichts, was die von der Gerichtsmedizin festgestellten Verletzungen verursacht haben könnten.

Da die Spuren am Ufer des Donauarms nicht zuletzt auch wegen der nicht erfolgten Polizei-Absperrung vernichtet und noch vorhandene Schuhabdrücke nach derzeitigem Kenntnisstand stümperhaft „gesichert“ wurden, bleiben nur noch die „zielgerichteten“ Fußspuren ins Wasser und eine daselbst abgelegte leere Zigarettenschachtel.

Das ist für einen Laien außerhalb des LKA eine schöne Spur, fast wie gelegt, eine sichtbar platzierte Zigarettenschachtel, um die Stelle der Fußspuren ins Wasser zu markieren. Damit man diese besser finden kann. Nur die Zigarettenstummel des Kettenrauchers Pilnacek fehlten dummerweise.

Eine Polizisten will am Anfang noch welche gesehen haben, das wäre auch schlüssiger gewesen, aber nein, Stefan P. behauptete, dass die Beamtin ihre Aussage wieder zurückgezogen habe und dass es sich um einen „Irrtum in der Erinnerung“ gehandelt habe. Laut Pilz steht die genannte Aussage allerdings immer noch wie ursprünglich im Akt. Sichergestellt wurden jedenfalls keine Zigarettenstummel, ja, nicht einmal die Spuren im Wasser. Für den Chef des LKA schien alles in Ordnung.

Bei besagter Polizistin handelte es sich übrigens um jene Beamtin, die als erste die Amtsärztin bedrängt hatte, von einem Obduktionsantrag abzusehen. Außerdem tritt sie ebenfalls als Klägerin gegen Pilz und dessen Buch auf.

Und wie war das mit Pilnaceks Smart-Phone gewesen? Dem Vorwurf der Beweismittelvernichtung ausgesetzt, rechtfertigte sich der Leiter des LKA mit einer angeblich fehlenden Begründung:

„Wenn ich die nicht habe, weil alle Ermittlungsergebnisse bis dahin nicht für ein Tötungsdelikt sprechen, dann kann ich das Handy nicht ‚auf Vorrat‘ sicherstellen.“

Es ist eine öffentliche Aussage, die unserer Meinung nach die sofortige Suspendierung zur Folge haben sollte. Da die Staatsanwaltschaft nach dem Auffinden der Leiche von Pilnacek einen Tötungsdelikt-Akt eröffnet hatte, ist die Behauptung vom LKA-Chef falsch. Ermittlungsergebnisse „bis dahin“, welche am selben Tag maximal nur oberflächlicher Natur gewesen sein können, deuten auf eine dreiste Unverfrorenheit hin, via Hellseherei statt Ermittlung einen Fakt zu kreieren, den es nicht gab und gibt.

Es ist offensichtlich, dass von Anfang an eine Suizid-These als Gewissheit verbreitet werden sollte, um das Smart-Phone von Pilnacek verschwinden zu lassen, was anders nicht möglich gewesen wäre. Zudem ist die Behauptung der Polizei, dass die Daten des Gerätes nicht ausgelesen wurden, ebenfalls extrem unglaubwürdig. Denn selbst bei vollkommen unbedeutenden Selbstmördern wird das Handy von der Kriminalpolizei nach Hinweisen geprüft. Und sei es nur, um mögliche „Helfer“ des Suizids auszuschließen. 

Man kann davon ausgehen, dass das Telefon ausgelesen und anschließend gelöscht wurde, bevor es dem Anwalt der Witwe übergeben wurde. Die schließlich vorgenommene physische Vernichtung der Hülle mittels Bunsenbrenner ist hochwahrscheinlich, aber auch nur eine Behauptung.

Stefan H. hatte die von Peter Pilz geäußerten Vorwürfe artikuliert:

„Das sind Vorwürfe in Richtung Vertuschung, Widerstand gegen Obduktion, Datenvernichtung, „Datenputztrupp“ und dergleichen.“

Alle diese Vorwürfe sind berechtigt. Der „Datenputztrupp“ lässt sich nun an der Smart-Watch von Pilnacek nachweisen.

Zur Zeit des Interviews mit dem STANDARD, Juli 2025, mochte der Chef der LKA NÖ, Stefan P., davon noch keine Kenntnis besessen haben. Das Nichtwissen schien fundiert genug für eine Nichtermittlung gewesen zu sein, doch mit Ferndiagnosen und Hellseherei war es auch nicht weit her gewesen. So ein Pech.

Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Sie ist so stark wie die Suizidvermutung der beteiligten Polizisten. 

Freitag
09
Januar 2026
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