Bedürftig. Wirklich bedürftig.

Bedürftig – 15. Kandidat: Dorothea N.

 

Bernd Bieglmaier erhielt unlängst einen Anruf von einer Frau, die sich am Telefon als Dorothea N. vorstellte. Sie war der Annahme, dass Bedürftige gesucht werden würden. Bernd Bieglmaier musste dem allerdings widersprechen, denn die Bedürftigen brauchten nicht gesucht werden. Sie fanden sich von selbst. So wie Dorothea N.

 

Bernd Bieglmaier verabredete sich mit der werten Dame im Park. Dort wartete er am vereinbarten Treffpunkt bei einer Parkbank allerdings vergeblich. Glaubte er. Denn dann vernahm er hinter sich auf der Parkbank einen Laut. Hallo?

Bernd Bieglmaier drehte sich um, doch war dort nichts. Er sah nichts.

 

 

Ich bin ein Nichts, sagte leise eine weibliche Stimme.

Wer? Wo? Bernd Bieglmaier war irritiert. Er musste schließlich seine Augen ganz weit aufreißen, bis er die Gestalt bemerkte. Zuerst schemenhaft, dann langsam klarer. Diese Gestalt saß auf der Parkbank. Seit einer halben Stunde schon, wie Frau Dorothea N. anmerkte.

 

Bernd Bieglmaier war höflich genug, um sich sofort zu entschuldigen. Macht ja nichts, ich bin ja nichts, meinte Frau N. mit schwacher Stimme. Und dann plapperte sie auch schon drauflos.

 


Die Leute würden sie nicht bemerken und über sie hinwegsteigen, berichtete Frau Dorothea N. Man würde sie nicht sehen und nicht hören, als wäre sie nicht vorhanden, und dies nicht nur, wenn sie nichts reden würde. Und wenn sie doch etwas sagen würde, dann wäre es angeblich nichtssagend. Nun würde sie sich auch wie ein Nichts fühlen, beteuerte Frau N., um dann – für Bernd Bieglmaier nichtsahnend – in Nullkommanichts in Tränen auszubrechen.

 

Das war nicht schön, befand Bernd Bieglmaier, aber warum war dem so? Bernd Bieglmaier begab sich auf Spurensuche, wenn auch kaum Spuren vorhanden waren in dem Nichts. Er versuchte es mit Fragestellungen, um dem Sachverhalt näher zu kommen.

Es waren Fragen nach Gründen der Nichtwahrnehmung, Fragen nach der Bedeutung der eigenen Worte und des eigenen Handelns. Oder auch nach Bedeutungslosigkeit derselben.

 

Es zeigte sich allerdings, dass Frau Dorothea N. über gewisse Mängel der Selbsteinschätzung verfügte und an Ursachenforschung wenig interessiert schien. Mitnichten, nichts von alledem sei wahr, nichts dergleichen richtig, knallte sie Bernd Bieglmaier um die Ohren. Nein, nie nicht und ganz und gar nicht, behauptete sie, weils sie nichts damit zu tun habe. Sie beschuldigte unseren Bedürftigen-Reporter daraufhin, viel Lärm um Nichts zu machen, bezeichnete sein Bemühen als Null und Nichtig, um anschließend zu erklären, dass sie weiter dazu nichts mehr zu sagen hätte, denn sie wolle sich nicht vernichten lassen.

 

Nichtdestotrotz zeigte sich Bernd Bieglmaier bemüht, gemäß dem Spruch: nichts ist alles, bis aber auch er die andere Hälfte dieses Spruches anerkennen musste: alles ist nichts. Und Frau Dorothea N. vereinte alles an Nichts in sich, das volle Nichts quasi, welches auch noch verteidigt wurde. Wie sich schlußendlich sogar Bernd Bieglmaier im Nichts befand, gefühlt natürlich, löste sich Frau Dorothea N. vor seinen Augen im Nichts auf.

 

Da ihre Bewerbung bei den Bedürftigen dennoch Gültigkeit hat, sehen wir uns von der Bedürftigen-Redaktion zur folgenden Stellungnahme veranlasst:

 

Liebe Frau Dorothea N.!

So geht das natürlich ganz und gar nicht. Wir wissen um den Umstand, dass es eine Kunst ist, aus Nichts etwas zu machen, so wie es depremierend sein kann, aus dem Vollen des eigenen Geistes und der Mittel heraus nur nichts zustandezubringen. Aber so einfach mir nichts Dir nichts unseren verdienten Bedürftigen-Reporter Bernd Bieglmaier in seinem Bemühen um Aufklärung stehen zu lassen, hinterlässt außer dem Nichts gar nichts weiter. Dass im größten Teil unserer Gesellschaft die Mentalität des „Nichts-hören“ und „Nichts-sehen“ vorherrschend ist, ergibt sich ein „Nicht-wissen“ zwangsläufig, weswegen es auch nichts zu sagen geben kann – von nichtiger Polemik abgesehen.

Damit das Bisherige nicht für Nichts und wieder Nichts ist, möchten wir ihnen vorschlagen, es mal alternativ mit einem kraftvollen „Alles oder Nichts“ zu versuchen, schließlich soll ja nichts unmöglich sein. Denn wie sagt man so schön: von nichts kommt nichts, nicht wahr?

Liebe Frau Dorothea N., geben Sie sich einen Ruck, denn es nützt ja nichts. (Das „Nichtsnutz“ verkniffen wir uns). Sie müssen ganz dringend an sich arbeiten. Wir unterstützen Sie dabei. Und küren Sie zur Bedürftigen der Woche.

 

 

 

Sonntag
05
Mai 2013
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