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Via Dolorosa

 

Via Dolorosa (2012).

Eine Ausstellung von Deborah Sengl. 23.-29. September 2013, St. Peter an der Sperr, Wr. Neustadt.

 

 

Über diese Ausstellung von Sengl, welche mit der gestrigen Vernissage in St. Peter an der Sperr in Wr. Neustadt begann und immerhin bis zum 29. September 2013 daselbst zu besichtigen möglich ist, wurde bereits in einigen Medien im Vorfeld berichtet. Optischer Aufhänger war hier zweifellos das auf ein Kreuz genageltes Huhn, welches die Plakate und die Einladungen zierte.


 

http://www.deborahsengl.com/

 

Damit war auch werbewirksam für Aufregung gesorgt. „Katholisches.info“, eine Webseite für Anhänger der radikalen Pius-Bruderschaft, empörte sich über die „Blasphemie“, was auch von anderen Sekten-Seiten übernommen wurde und einigen Lesern der Massenmedien dazu ermutigte, sich ebenfalls zu empören. Gerne auch ungesehen.

 

Deborah Sengl verfasste auf der Einladung einen kleinen Text, damit sich der Kulturkonsument orientieren konnte.

 

„Ausgangspunkt der Arbeit „Via Dolorosa“ sind die 14 Stationen des Kreuzweges Jesu Christi. In dieser Serie sehen wir jedoch nicht den Sohn Gottes, sondern ein Huhn als Märtyrer leiden.

 

Was auf den ersten Blick blasphemisch wirken mag, ist keine Kritik am christlichen Glauben, sondern thematisiert das Tierleid in der Nahrungsmittelproduktion unserer Zeit.

 

So unvermeidlich die Lebensmittelindustrie heute ist, um eine stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, so umstritten sind die Methoden und deren Auswirkungen. Das Leid der tierischen Märtyrer erlöst uns Bewohner der westlichen Industrienationen vom Hunger – und den damit verbundenen Unruhen. Doch je satter die Menschen werden, desto stärker scheinen ihre Seelen zu hungern.“

 

Nach Sengl liegt ihrer Arbeit also ein löbliches Engagement zugrunde, freilich unter Verwendung einer „christlichen“ Symbolik.

 

Was aber war gestern abend zu sehen?

Gemessen an der künstlichen Aufregung von der fundamentalistischen Seite her war die Vernissage eher mäßig besucht, aber zu einem erheblichen Teil von der regionalen Künstler-Szene. Trotz des regionalen Fernsehens und trotz des Bürgermeisters von Wr. Neustadt war es unterm Strich eine etwas entäuschende Ausbeute für den Veranstalter.

 

Der „Leidensweg Jesu“ in der wohlbekannten Bilderabfolge wurde von Sengl nicht neu erfunden. Einzig das menschliche Gesicht des „Märtyrers“ wurde durch einen Hühnerkopf ersetzt. Spannend war es ebenfalls nicht, weil bereits woanders ähnliches gesehen. Da war das gekreuzigte Huhn in der Apsis zumindest visuell ansprechender.

 

Nach dieser wenig originellen Darstellung drängte sich eine offensichtliche Problematik förmlich auf. Ohne den kleinen Einführungstext auf der Einladung wäre man vor den Bildern gestanden und hätte Schwierigkeiten gehabt, eine Überleitung zur Fleischindustrie zu finden. Diese Überleitung fehlte ansonsten vollkommen, wie ich persönlich ohnehin den Eindruck bekam, hier vor etwas Unfertigem zu stehen. Banal ausgedrückt: ich male einen grünen Stuhl rot an und behaupte noch nicht einmal, dass hier von der Verblödung durch das Fernsehen die Rede ist. Oder die Rede sein kann. Oder auch nicht.

 

Bedauerlicherweise setzte Sengl diesen inkonsequenten Weg fort, indem sie neben der Bildabfolge und dem gekreuzigten Huhn ein zweites Sujet beigab, welches über einen ähnlichen Nicht-Aussagewert verfügte. Dabei handelte es sich um genau drei Objekte, die inhaltlich zusammengehörten, aber keinen Zusammenhang zu dem Huhn herstellen konnten. Hier war der Wolf im Schafspelz das Thema. Ein sehr schönes Thema, wie ich finde. Nur beschränkte sich dies auf ein Bild, wo ein Kardinal mit Schafskopf vor dem Sarg des 2005 verstorbenen Papstes Johannes Paul II. kniet, es beschränkte sich auf das sehr schöne Modell eines Schafes mit Wolfsschnauze und es beschränkte sich auf eine sehr auffällige Skulptur von einer Person mit Wolfsschafskopf in Papstkleidung, welche mit der Zunge den Boden küsst. Hier scheint eine Anspielung auf das bekannte Ritual von Johannes Paul II. vorzuliegen. Ich persönlich vermisste hier den CIA-Geldkoffer für die polnische antikommunistische Organisation Solidarno??.

 

Was dieses Sujet, welches eher als wenig definierte Kritik an der Geschichte der katholischen Kirche interpretiert werden könnte, mit dem Leid der Tiere in der Lebensmittelindustrie zu tun hat, blieb vollkommen schleierhaft. Neben dieser formalen Stümperei einer Ausstellungsgestaltung wirkte nun, nach der Begutachtung, auch die Behauptung, keine Kritik an den christlichen Glauben äußern zu wollen, als offenbar notwendig für Sengl. Möglicherweise will sie dies auch nicht, möglicherweise spielte sie grundsätzlich auf die Bauernfängerei an, auf das Konzerngebaren der Kirche, die darauf angewiesen ist, möglichst viele Schafe unter ihre Fittiche zu bekommen. Nur: was Sengl will, das erfährt der Betrachter nicht.

 

Unterm Strich bleibt mir das Fazit, dass ich eine inhaltlich und formal desaströse Ausstellung besucht habe. Entäuschend. Sollte dem eine gute Idee zugrunde gelegen sein, so war sie nicht mehr sichtbar. Alle vermeintliche Aufregung für die Katz. Oder für das Huhn. Es blieb das Gefühl, dass hier eine kleine Kirchenprovokation vorlag, aber auch nur, um ein Gesprächsthema zu bilden. Über die Ausstellung, über die Person Sengl. Marketing.

 

Dass es sich vor allem um eine besonders peinliche Marketing-Variaton handelt, wurde nach der Begrüßung durch den neuen Kulturamtsleiter Michael Wilcek überdeutlich. Da sprach nämlich ein Vertreter der katholischen Kirche, P. Walter Ludwig, der Prior vom Neukloster. Ludwig las wie ein Politker irgendein universelles Wischi-Waschi-Manuscript ab und hatte dabei keine Mühe, das vermeintliche Anliegen von Deborah Sengl innerhalb einer Minute abzustreifen. Er bekam alle Zeit, anschließend das Publikum mit einer unendlichen Aneinanderreihung von leeren Phrasen zu ermüden und letztlich die Ausstellung zu konterkarieren. Wer anschließend erwartet hatte, dass jemand anders eine notwendige Gegenrede halten würde, um das vorherige Gewäsch auch als ein hohles Gewäsch zu entlarven, sah sich getäuscht. Es blieb unwidersprochen stehen.

 

Aber das beste ist: Sengl hatte den Vertreter der katholischen Kirche eingeladen und dessen Einheitstext sprichwörtlich abgesegnet. Sie hatte sich sogar gefreut, als der Prior ihr vermeintliches Anliegen und das möglicherweise unausgesprochene Anliegen in die Bedeutungslosigkeit verbannt hatte. Sie hat sich gefreut. Gelacht hat sie über die selbstgewollte Demontage ihrer Person. Das war ein Schauspiel, das man so schnell nicht wiedererleben wird. Ernst zu nehmen ist diese Frau nicht. Aber es war eine gute Verarschungszeremonie.

 

Bedauerlicherweise gibt es aber Menschen, welche die Ausstellung – unkommentiert wie sie ist – tatsächlich ernst nehmen. Am heutigen Tag taumelten offensichtliche Sektenanhänger in den Ausstellungsraum, um sich darin flüchtig umzusehen und anschließend die Ausstellungsaufsicht auf primitive Weise zu beschimpfen. In ihrer Einfältigkeit glaubten sie, Glauben ist ja ihre Stärke, dass es sich hierbei um die „Künstlerin“ handeln würde. Aus Schafen wurden Wölfe, nur die Einfältigkeit bleibt gleich.

 

Freitag
23
August 2013
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